…wie schwierig es ist ein allgemein gültige Unterscheidung zwischen den beiden Begriffen zu bekommen habe ich bereits ausgeführt (siehe Wahrheit / Lüge 01)
Ich bin der Meinung, dass durch den Ansatz der selektiven Wahrnehmung und der für mich damit verbundenen Definition, eine gewisse Entspannung in die laufenden Diskussionen zu bringen ist.
Hier möchte ich nun auf einen etwas anderen Sachverhalt in Zusammenhang damit eingehen.
Wie oft hört man Sätze, wird gewünscht, dass man offen und ehrlich ist, alles sagen kann; i.bes. im Bereich „Beziehungen / Partnerschaft”.
Hört sich gut an, macht ein gutes Bild von einem selbst, da man sich weltoffen, kulant und was sonst noch alles präsentieren kann.
Das ist ein Trugbild, wie ist es in der tatsächlichen Welt? – In der Regel haben diese Art von Sätzen nur dann ihre Gültigkeit, ihre Daseinsberechtigung, wenn etwas gesagt wird, dass der andere hören will, der gleichen Meinung ist.
Wie ist es aber, wenn es um die Äußerung von Unterschieden geht, eine gewisse Art von Kritik zu tage tritt? Ist man dann auch noch so offen, tolerant und stark zu dem/den geäußerten Satz/Sätzen zu stehen?
Hand auf´s Herz, wie oft ist es schon vorgekommen, dass man solche Sätze geäußert hat und wenn sie dann umgesetzt werden man doch so einiges zu schlucke hat und es gar nicht mehr so gut ist.
Es macht daher Sinn sich einmal in einer ruhigen Minute hinzusetzen und sich darüber seine Gedanken zu machen.
Ich habe mich gefragt, was könnten mögliche Gründe sein, dass jemand solche Sätze äußert, sie aber nicht wirklich ernst nimmt.
Ein paar mögliche Gründe habe ich weiter oben bereits genannt.
Ein weitere, für mich einer der wichtigsten, Gründe ist der, dass dies alles als Phrase genommen wird um sich selbst einen Art Freibrief auszustellen dass man sagen darf was man denkt, so nach dem Motto: Ich habe es dir zugestanden nun gestehen ich es mir auch zu (und nutze es auch umgehend). Ein Gedanke daran, dass der andere es auch nutzen kann, bleibt außen vor.
Wie alles im Leben, gibt es auch hier 2 Seiten:
Wenn ich alles sagen darf/will was ich denke, muss ich auch hinnehmen, dass mir alles gesagt wird, auch wenn mir es (einmal) nicht passt oder „positiv” ist (setze positiv in Anführungszeichen, zum besseren allgemeinen Verständnis)
Sollte ich nicht bereit sein, beide Seiten an zu erkennen, sollte ich es tunlichst vermeiden Sätze mit derartigem Inhalt vom Stapel zu lassen, was mir natürlich auch die Möglichkeit nimmt davon Nutzen zu tragen.
Handle ich dem zuwider, können die Folgen teilweise dramatisch und hart ausfallen – Angefangen von einer kleinen Verärgerung bis hin zur Trennung oder sehr heftigen Auseinandersetzungen.
Wer sich von dem allem nicht angesprochen fühlt und damit keine Schwierigkeiten hat, Glückwunsch, der gehört zu einer sehr kleinen Gruppe.
Der größte Teil der Menschen dürfte aber damit ihre Schwierigkeiten haben.
Da ich mich mit diesem Thema schon eine geraume Zeit beschäftigt habe und es immer noch tue, ist es mir gelungen mich zu einer Person in der kleinen Gruppe zu transformieren. – Zwar noch nicht zu 100% aber doch schon sehr nahe daran.
Das verbuche ich als Erfolg auf meinem Erfolgskonto und dafür bin ich dankbar.
Wie mir dies gelungen ist, möchte ich gerne mitteilen. Vielleicht ist es für den einen oder anderen auch ein praktikabler Ansatz.
Einer meiner ersten Schritt war, ich habe mich daran gemacht zu ergründen, wann ich Sätze wie z.B. „Du kannst mir alles offen und ehrlich sagen” verwendet habe und wie dann damit umgegangen bin, wenn es jemand tat sowie warum ich diesen (oder ähnliche) Sätze geäußert habe.
Bei der Listung dieser Punkte stellte ich mir immer öfter die Frage, ist das Wahrheit? Und so kam ich zu der Erkenntnis, dass es für mich Wahrheit und Lüge (so wie es die vielen Menschen nutzen) so nicht gibt und ich für mich die „selektive Wahrnehmung” als Grundsatz heraus gearbeitet habe.
Mit der Zeit habe ich dann für mich gelernt, durch Anerkennung der selektiven Wahrnehmung, den Umgang mit der mir gegenüber geäußerten „Wahrheit”, Offenheit, Direktheit umzugehen und zu arbeiten
(EXKURS: Wie ich zur selektiven Wahrnehmung gekommen bin und was ich darunter verstehe ist unter „Wahrheit / Lüge 01″ nachlesbar)
Um meine Aufmerksamkeit dahin gehend zu schärfen, wachsam und offen zu bleiben führe ich in unregelmäßigen Abständen einen „Selbst – Test” durch.
Dieser dient in erster Linie dafür mich an diesen Grundsatz immer zu erinnern und in einzuhalten sowie ein aktuelles Meinungsbild von mir einzuholen.
Dies läuft wie folgt ab:
Ich „lade” mir ein paar ausgewählte Leute eine und bitte sie mir offen und in aller Deutlichkeit zu sagen, was sie über mich denken, von mir halten
Zu Beginn einer solchen Runde kommen die Äußerungen noch teilweise verhalten, mit fortschreiten der Zeit werden diese dann deutlicher und teilweise auch sehr hart. – Bei der einen oder anderen Aussage muss ich sogar heute noch „schlucken” und mich gewaltig am Riemen reißen darauf nicht zu reagieren.
Um dieser Gefahr zu begegnen habe ich mir einen Anker geschaffen, der mir hilft bei der Stange zu bleiben.
Ein kleiner „Nachteil” hat dieses Verhalten, man erweckt den Eindruck der Teilnahmslosigkeit, Abgeklärtheit und sogar der Arroganz bis hin zur Emotionslosigkeit
Grundsätzlich gilt es nur zuzuhören (was einen unschätzbaren Vorteil mit sich bringt), die gemachten Aussagen nicht zu kommentieren, keinerlei Diskussion aufkommen zu lassen, dass einzige was ich verwende sind sog. „Verständnisfragen”, mit deren Hilfe es mir gelingt das Gesagte besser einzuordnen.
Je nach Gruppe und wie oft die Teilnehmer schon daran teilgenommen haben, kommen teilweise eine Vielzahl von unterschiedlichen bzw. deckungsgleichen Aussagen zu tage.
Da es sehr viele unterschiedliche sein können und um sie nachher nochmals für mich aufzuarbeiten, frage ich zu Beginn einer solchen Runde ob ich mir Notizen machen darf, wobei es sich von selbst versteht keine Zuordnung von Aussagen zu Personen vorzunehmen, die gemachten Aussagen keine dritte Seite zu Gesicht bekommt, und ganz wichtig, nach diesem Gespräch keinerlei Worte mehr darüber zu verlieren.
Ist die Runde zu Ende, bedanke ich mich und wir gehen wieder zur „Tagesordnung” über.
Wenn man dies einmal gemacht hat, wird man feststellen, welche Menge an Energie dabei frei wird, ich bin schon aus derartigen Runden gekommen total durchgeschwitzt und fertig, obwohl ich nichts getan habe.
Sollte sich nun jemand dazu entscheiden ein solches Gespräch zu führen hier noch ein paar nützliche Hinweise hinsichtlich der Vorgehensweise, um den größtmöglichsten Nutzen zu erhalten.
Am besten man fängt mir nur einer Person an und „arbeitet” sich dann Gespräch für Gespräch hoch bis zu einer „max. Gruppenstärke” von 4 Personen oder man bleibt bei der 1 Personen – Strategie. Was einem besser gefällt, gilt es für einen selbst herauszufinden.
Bei der Auswahl der Person sollte man sich an den Grundsatz halten, hat diese mein Vertrauen und würde ich mit ihr 4 Wochen Urlaub auf einer einsamen Insel verbringen wollen? Des Weiteren sollte die Person im Gesamten mir zugetan sein.
Bei derartigen Überlegungen sollte man sich auch einmal vor Augen führen, wem gegenüber man alles diese Art von Offenheit bereits geäußert hat und ob man die (von dieser Person) noch will bzw. sie ihr gegenüber noch aufrecht gehalten werden möchte.
Sollte sich herausstellen, dass die eine oder andere Person dieses „Privileg” nicht mehr zusteht, ist Handlungsbedarf angesagt.
Der „Entzug” muss mitgeteilt werden und es ist ratsam hierfür geeignete Argumentationen zu Recht zu legen. – Wie das im Einzelnen aussehen kann, darüber können wir reden, wichtig ist, dass es klar, deutlich und unmissverständlich gesagt wird!
Aus diesen Überlegungen heraus ergibt sich eine Liste von Personen mit denen man beginnen könnte.
KURZE ZWISCHENFRAGE: „Steht der eigene Partner auf der Liste?”
Als nächstes setzt man sich mit der ausgewählten Person in Verbindung und verabredet sich (Tipp: Verabredung sollte in einer, für einen selbst bekannten und „sicheren” Umgebung stattfinden)
Wie läuft es dann weiter ab?
Ist die Person dann zur vereinbarten Zeit anwesend und mit den allgemeinen Umgangsformen (etwas zu trinken, bequemer Platz, usw.) versorgt, geht es darum das Anliegen kund zu tun.
Ein guter Weg ist es dies in 2 schritten zu vollziehen.
Im ersten Schritt erfolgt eine kurze Info über den, von einem selbst ausgehenden und eingeleiteten Veränderungsprozess (Bei der Findung der richtigen Worte kann ich behilflich sein)
Im 2. Schritt spricht man den/die Gegenüber das Vertrauen aus und sagt dann, was man will (Bestimmte Formulierungen habe ich parat)
Nach Mitteilung dieser beiden Schritte wird eine Zusage (oder auch Absage) abgefragt. – WICHTIG!
Ausgehend von einer Zusage erfolgen dann die „Abschlussvorbereitungen” für dieses Gespräch (z.B. nochmals Getränke nachfüllen – Aschenbecher leeren – Blatt, Stift bereitlegen – „Umzug” an einen anderen Ort – usw.)
Ist dies alles erfolgt, ergeht der Startschuss und ab jetzt heißt es für einen selbst: Schnauze halten – nur Verständigungsfragen stellen – gut und konzentriert zuhören
Nach der vorher festgelegten Zeit für die Offenheit den Dank aussprechen, Blatt u. Stift weglegen und gut ist.
Sollte es (in Ausnahmefällen!) während der Gesprächszeit es einem zuviel werden, bitte sofort abbrechen, den Grund nennen, sich bedanken und keinen neuen Termin vereinbaren – Alternativ: einen neuen Termin in Aussicht stellen.
An dieser Stelle ein kleiner Tipp: Wenn man beabsichtigt derartige Gespräche zu führen, dann nur wenn man selber „(sehr) gut drauf” ist.
Wenn man dann wieder allein ist (mind. 2 – 6 Std. danach und nicht länger als 72 Std. nach dem Gespräch) die Notizen hervorholen und sich die einzelnen Punkte anschauen.
(Hinweis: dies nicht im Beisein von Dritten und schon gar nicht wenn die Person anwesend ist, mit der man gesprochen hat!)
Was die „Auswertung” anbetrifft werde ich in einem gesonderten Aufsatz darauf eingehen.
Zum Schluss dieser Passage ein paar Anmerkungen / Wiederholungen hinsichtlich dem Verhalten in derartigen Gesprächen:
- Die Aussagen des Gegenüber kommen (erfahrungsgemäß) anfänglich sehr zögerlich, denn je nach Verhaltensmuster von mir selbst im Vorfeld, in der Vergangenheit (beleidigt – wütend – nachtragend – usw.) haben diese Angst vor den möglichen Folgen.
- Ganz wichtig ist ohne Wertung die gemachten Aussagen auf- und annehmen. Sobald man, im Gespräch, anfängt eine Wertung der Aussage, noch schlimmer der Person durchzuführen, bitte sofort abbrechen!!! – Wenn man es nicht tut, können fatale Folgen auftreten.
- Zu Beginn kann man eine Vorgabe einfließen lassen, gewisse „Fäkalsprache” oder bewusste Beleidigungen zu untersagen, d.h. ein gewisses Sprachniveau zu definieren.
- Bei der ganzen Angelegenheit Spaß haben, es ist interessant, etwas über die Sichtweise der anderen über einen selbst zu in Erfahrung zu bringen…